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Der Truck der Zukunft ist immer online

Wir schreiben das Jahr 2030. Hier sitzt der Trucker Christoph Schwarz nicht mehr in einem klassischen Fahrerhaus seines Lkw, sondern in einer abgekoppelten Kanzel.


Statt mit Drehknöpfen, Hebeln und Schaltern ist das Cockpit mit einer intelligenten Glasscheibe ausgestattet. Sämtliche Daten und Informationen über Strecke und Fracht werden hierauf digital in Echtzeit projiziert. Und dank der 3D-Augmented-Reality-Technik erscheinen die Projektionen für den Betrachter dreidimensional. Durch die zusätzliche Anzeigeebene betten sich die Navigationsinformationen direkt in die reale Fahrsituation ein. Weil Christoph Schwarz plötzlich die Sonne blendet, steuert er per Gestensteuerung ein Menü auf dem Display. Langsam dimmen sich die Scheiben, während die Anzeigen wiederum automatisch heller erscheinen.



Plötzlich blinkt auf einem der gläsernen Screens eine „15“ auf. Schwarz weiß, dass er in einer Viertelstunde den Konvoi verlassen und zumindest kurzfristig wieder selbst agieren muss. Bis dahin ist noch Zeit, per Sprachassistent die Verkehrslage zu überprüfen lassen. Per V2V- und V2I-Kommunikation – Vehicle to Vehicle und Vehicle to Infrastructure – tauscht sich der vernetzte Lkw Daten dazu auch mit entfernten Fahrzeugen und der Infrastruktur aus. Im Bruchteil einer Sekunde wird die Route geändert, da das Verkehrsaufkommen 50 Kilometer weiter immer dichter wird. Anschließend informiert Schwarz die übrigen Lkw über seinen Ausstieg aus dem Platooning-Gespann.

Die mehr oder weniger zufälligen Platoons von Lkw verschiedener Hersteller können sich 2030 dank einheitlicher Systeme in ganz Europa für eine bestimmte Zeit zu gemeinsamen Autobahnzügen koppeln. Ein echter Fortschritt gegenüber den langen einsamen Fahrten früherer Jahre, als man immer wieder von langsameren Fahrzeugen ausgebremst wurde oder sich in nervigen Elefantenrennen aneinander vorbeischob. Dank Platooning ist die Geschwindigkeit gleichmäßig zügig. Weil die Trucks in kurzen Abständen von zehn bis 15 Metern hintereinander unterwegs sind, verringert sich der Luftwiderstand. Dadurch sinken der Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen.

Zudem nehmen die dicht auffahrenden Konvois weniger Straßenfläche ein – mehr Platz also für andere Verkehrsteilnehmer. Dadurch sind auch Unfälle im Vergleich zur Vergangenheit deutlich geringer geworden. Sensoren und Computersteuerung entlasten den Fahrer standardmäßig in kritischen Situationen. Die früheren Schrecken des Sekundenschlafs sind History. Auf langen Distanzen übernimmt das intelligente Fahrzeug die Verantwortung.



Jetzt gibt der Autopilot rechtzeitig vor der Ausfahrt das Signal zum Ausscheren, Schwarz übernimmt wieder die Steuerung. Das müsste er eigentlich nicht. Sein Truck würde auch diese Fahraufgabe selbständig erledigen, aber nachdem er in den letzten Stunden im Cockpit seine Logistikaufgaben online erledigt hat, gönnt er sich gern ein paar Meter Nostalgie, auch wenn der Joystick eher dem Steuerknüppel eines Jets nachempfunden ist und nicht wirklich an das große schwarze Lenkrad erinnert, das schwere Lkw noch bis Mitte der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts hatten.

Immer online bedeutet auch, dass Tankstopps und Pausen exakt geplant werden und gleich entsprechende Parkplätze reserviert werden können. Gleich ist der Autohof erreicht. Der Lieblingstisch im Restaurant ist auch schon reserviert. Nach einer Pause geht es weiter über die Grenze nach Österreich. Der vernetzte Lkw verfügt über eine einheitliche Mautbox für ganz Europa, manuelle Buchungen sind längst Vergangenheit. Die Route führt jetzt über alpines Terrain. Schwarz bucht bei seinem Truck kurzzeitig eine höhere Leistungsstufe dazu – also mehr PS on demand.



Es geht wieder bergab. Christopher Schwarz erreicht sein Ziel – einen großen Logistikumschlagplatz in der Nähe einer italienischen Metropole. Schon lange dürfen die Langstrecken-Lkw nicht mehr in Innenstädte fahren. Die letzte Meile der Ware zu den Händlern und Kunden wird nur noch mit kleinen E-Vans und E-Lastenrädern absolviert. Schwarz rangiert per Smartphone den Sattelzug. Dabei steht er neben dem Lkw und sieht auf dem Display den Vorgang aus der Vogelperspektive. Das System dazu besteht aus einem kamerabasierten Leitungssystem an der Laderampe. Dort erfassen die Sensoren den Lastzug und senden die Lenkbefehle an das Fahrzeug weiter. Ein vollautomatisches System entlädt den Lkw-Container in weniger als 30 Minuten. Keine langen Wartezeiten mehr an Logistikzentren und Lagerhallen.

Als er an der Verladestation ankommt, wartet bereits ein Servicefahrzeug auf ihn. Sein Truck hat registriert, dass es an zwei Reifen Probleme mit dem Luftdruck gibt und dies an die Spedition gemeldet. Denn jeder Reifen hat innen einen intelligenten Sensor, der alles überwacht, auch die Profiltiefe. Zurück im Cockpit gibt der vernetzte Truck sofort Bescheid wenn er nicht voll beladen ist. Schwarz bietet daraufhin die freien Kapazitäten an – über Online-Frachtbörsen, die für eine effiziente Verteilung der Güter sorgen. Leerfahrten gilt es auf jeden Fall zu vermeiden, und dafür muss man seinen Lkw immer mit den Dispositionen der verschiedenen Auftraggeber, aber auch mit den Be- und Entladestationen vernetzt haben. Kaum zu glauben, dass damals – also zu Beginn des 21. Jahrhunderts – im Durchschnitt rund ein Drittel aller Lkw-Fahrten noch Leerfahrten waren. Solche Ineffizienzen machten die Transporte unnötig teuer.



Auch der Spritverbrauch und damit die CO2-Emissionen waren deutlich höher. Zwar verrichten noch immer effiziente Dieselmotoren ihre Arbeit vor allem im Fernverkehr. Es werden aber schon seit Jahren klimaneutrale Kraftstoffe genutzt, die von regenerativen Energien stammen. Im Verteilerverkehr ist jeder zweite Lkw ein batterieelektrisches Fahrzeug. Auf der Langstrecke fahren immer mehr Sattelzüge mit Brennstoffzelle. Über Luftqualität in Städten redet niemand mehr, das Thema hat sich längst erledigt.

Die einst kritischen Umweltverbände sind verstummt. Zudem haben sich Berufsbild und Image des Truckers durch die Vernetzung immens gewandelt. Waren Lkw-Fahrer früher hauptsächlich fürs Fahren und Be- und Entladen zuständig, verfügen Schwarz und seine Kollegen neben der Lkw-Schulung heute über eine zusätzliche Ausbildung als Logistikkaufmann bzw. -kauffrau. Auch immer IT-Experten haben sich für diesen Beruf entschieden. Denn sie können auf den langen Distanzen ihren anderen Aufgaben nachgehen.

Vieles, was Berufskraftfahrer Christopher Schwarz im Jahr 2030 erlebt, können die Besucher der 67. IAA Nutzfahrzeuge in Hannover schon heute erfahren. Die IAA bringt allen Interessierten Besuchern die Zukunft der Logistik und Mobilität. Dazu zählen Vorführungen auf der Demonstrationsfläche LIVE, Guided Tours, Probefahrten über 70 Nutzfahrzeugen – rund die Hälfte von ihnen mit E-Antrieb - sowie Kongresse mit Diskussionsforen, Panels und Ausstellungen.

Oder besuchen Sie den Truck2030 in Halle 22, am Stand E44 der TU München.